HAUSBESUCH XXL Stadtlohn
Ganzheitliche Innenstadt-Revitalisierung und Umnutzung der Berkelmühle
10. Sept. 2026
Stadtlohn neu erleben: Vom Markt zur Mühle!
Neben den prämierten Projekten des Westfälischen Preises für Baukultur 2025 gab es im großen Fundus der Einreichungen zahlreiche weitere Arbeiten, die durch ihren Vorbildcharakter überzeugen. Ein herausragendes Beispiel ist die Revitalisierung der Stadtlohner Innenstadt. Das Veranstaltungsformat der Hausbesuche bot nun die Gelegenheit, das Projekt vor Ort kennenzulernen. Wo einst Pkw-Verkehr und Fußgänger konkurrierten und die Berkel kaum erlebbar war, verbindet heute ein ganzheitliches Konzept die City mit der historischen Wassermühle und modernem Hochwasserschutz. Bürgermeister Berthold Dittmann machte in seiner Begrüßung die Dimension klar: Mit einem Volumen von über 30 Millionen Euro ist das Projekt das bislang größte der Stadtgeschichte – eine zukunftsweisende Investition, wie der Besuch zeigte.
Ganzheitliche Stadtplanung und Hochwasserschutz
Mathias Pennekamp, Leiter des Fachbereiches Planen, Bauen und Umwelt, gab Einblicke in die komplexen Abläufe. Trotz aller Herausforderungen blieb das Großprojekt weitestgehend im zeitlichen und finanziellen Rahmen. Seit den ersten Planungen im Jahr 2007 wurden städtebauliche Entwicklung, Hochwasserschutz und Flussqualität zusammengedacht. Das Konzept bündelt 32 geförderte Einzelmaßnahmen zur nachhaltigen Rückhaltung und Starkregenvorsorge. Gleichzeitig wurde die Berkel ökologisch aufgewertet, um den Fluss wieder erlebbar zu machen und harmonisch mit der Innenstadt zu vernetzen.
Historische Identität und moderne Umnutzung
Die architektonische Transformation begleitete das Büro farwickgrote partner. Alexander Guttek und Heiner Farwick berichteten von der behutsamen Neugestaltung des historischen Kirch- und Marktplatzes. Durch die Verkehrsberuhigung entstand ein flexibler, multifunktionaler Raum für Märkte, Feste und Begegnungen. Eine besondere Herausforderung war die Sanierung der Berkelmühle: Nach intensiver Überzeugungsarbeit im Stadtrat wurde der Industriebau in einen interkulturellen Begegnungs- und MINT-Lernort verwandelt. Ein markanter Treppenturm aus Cortenstahl sichert die Barrierefreiheit, während im Inneren das historische Holzsprengwerk erhalten blieb.
Symbiose aus Freiraum und Hochwasserschutz
Die Schnittstelle zwischen Stadt und Fluss wurde fließend neugestaltet. Michael Glück von Glück Landschaftsarchitektur (Planung und Umsetzung von 2014 bis 2024) erläuterte die Balance aus Aufenthaltsqualität und Klimaanpassung. Das neue Mühlenumfeld fungiert als unauffälliger Retentionsraum: Durch den bewussten Verzicht auf Stellplätze kann Wasser bei Starkregen sicher abfließen, ohne dass der Hochwasserschutz das Stadtbild stört. Vom Mühlenplatz führen breite Sitztreppen zum Wasser. Sie leiten über zur neuen, baumbegleiteten Berkelpromenade, die mit Stationen wie dem Berkelbalkon zum Verweilen einlädt.
Fazit: Vorbildliche Interdisziplinarität als Erfolgsfaktor
Das Projekt zeigt eindrucksvoll, wie die disziplinübergreifende Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung, Hochbauplanung, Landschaftsarchitektur und Ingenieurwesen ein überzeugendes, homogenes Ergebnis schafft. Der konsequente Einsatz ortstypischer Materialien – wie rotbraunes Ziegelpflaster, sandsteinfarbene Bänder und stadtklimaresistente Pflanzen – sorgt für ein barrierefreies Gesamtbild, das urbane Hitzeinseln mindert. Dass alle Beteiligten von der unsichtbaren Ingenieursleistung im Tiefbau bis zur sichtbaren Oberfläche an einem Strang zogen, macht Stadtlohn zu einem Best-Practice-Modell für gelebte Baukultur.